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3/2003
Interview mit Wim van Dullemen in dem
Magazin
SEIN
Manifestation einer anderen Welt
Der armenische Mystiker Gurdjieff entwickelte in der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts spezielle Tanzformen, die
eine Bewusstsseinsveränderung und Persönlichkeitstransformation
ermöglichen sollen. SEIN sprach mit Wim van Dullemen,
einem Lehrer dieser "Movements" genannten Tänze.
Sein: Wer war eigentlich Gurdjieff und was genau sind Movements?
Wim: Gurdjieff war ein esoterischer Lehrer, griechisch-armenischer
Herkunft. Schon in jungen Jahren ergriff Ihn ein Durst nach
einem ganz speziellen Wissen, von dem er annahm, dass es irgendwo
auf Erden existieren müsse. Dies führte ihn auf
eine Suche in die unzugänglichsten Gebiete des Orients,
die länger als zwanzig Jahre andauern sollte. Nach seinem
Tod 1949 in Paris hinterließ er ein Erbe von einzigartiger
Mannigfaltigkeit. Er schrieb drei Bücher, komponierte
über 200 Musikstücke, und entwickelte um die 250
Tänze, die Movements genannt werden. Es besteht kein
Zweifel darüber, dass diese Movements die Krone seiner
Lehre sind, und er bezeichnete sich selbst als einen Lehrer
des Tanzes. Den meisten Betrachtern vermitteln die Movements
etwas noch nie Gesehenes, weil sie in der Welt der Bewegung
mit nichts Bekanntem zu vergleichen sind. Sie werden heilig
genannt, weil sie auf unseren psychologischen Zustand und
unser Bewusstsein einwirken.
Sein: Auf welche Art unterscheiden sich diese Movements von
anderen Körperbewusstseinstechniken wie Hatha Yoga, Qi
Gong und Tai Chi?
Wim: Was die Movements mit den anderen Techniken gemeinsam
haben ist, dass sie Disziplinen sind, die Anstrengung und
Hingabe erfordern. Doch andere Elemente sind einzigartig,
wie z.B. die wunderbare Musik, die sie begleitet. Das lässt
sie viel tänzerischer werden, obwohl sie sich von Ballett
oder Ähnlichem dadurch unterscheiden, dass hier der Tänzer
nicht seine eigenen Individualität darstellt. Die Movements
drücken eine objektive Annäherung der Gesetze aus,
die unser Leben regieren.
Sein: Was verstehst du unter "objektiv", und warum
soll Gurdjieff objektiver sein als die Meister des modernen
Tanzes wie Bejart oder Graham?
Wim: Ohne die großartige Arbeit dieser Pioniere des
modernen Tanzes herabsetzen zu wollen, muss ich sagen, dass
die Movements einer inneren Suche dienen. Der Tänzer
hat sich hier ungewöhnlichen und mathematischen Positionen
zu unterwerfen. Das befreit ihn einerseits von seinen Gewohnheiten
und den Konditionierungen unserer Gesellschaft. Andererseits
drücken diese Positionen, wie eine neue Art von Sprache,
eine mögliche psychologische Entwicklung aus. Diese Sprache
kann, obwohl sie so mathematisch präzise ist, auch sehr
tief gefühlt werden. Ein neues Gleichgewicht kann sich
in dem Tänzer entfalten; die Musik, die Gesten und unser
inneres Sehnen werden eins, und es ist, als ob wir einen neuen
Raum betreten, in dem es keine Grenzen und keine Zeit mehr
gibt ... Es ist, als ob uns eine Manifestation einer anderen
Welt berührt und uns das Versprechen gegeben wird, dass
wir uns verändern und erneut geboren werden können.
Sein: Warum sind diese Movements, die vor über 50 Jahren
geschaffen wurden, so unbekannt, und wo kann man sie sehen
und lernen?
Wim: Nach Gurdjieffs Tod beschlossen seine Schüler, die
Movements geheim zu halten mit dem Ergebnis, dass die Öffentlichkeit
erst vor kurzem Zugang zu ihnen bekommen hat. Meine Partnerin
Christiane Macketanz und ich haben die Movementsstiftung ins
Leben gerufen, eine unabhängige Organisation mit dem
Ziel, diesen Prozess der Öffnung zu unterstützen.
Wir haben eine interaktive CD-Rom mit einem Movements-Lernprogramm
produziert. Öffentliche Aufführungen sind und bleiben
leider selten. In einer Veranstaltung dieses Monats aber werden
wir dem Publikum Kostproben der Musik und eine Auswahl an
Tänzen zeigen. Gemeinsam versuchen wir sowohl zum Nutzen
unserer Movements-Klassen als auch für individuelles
Training neue kreative Elemente für die Lehre der Movements
zu schaffen.
Sein: Kannst du einige dieser Elemente erläutern?
Wim: Innere Stille, Entspannung, Gewahrsein des eigenen Körpers,
das Harmonisieren von Körper, Gefühl und Verstand,
und natürlich, sich die Movements in der genauen historischen
Überlieferung anzueignen. Wer Movements lernen möchte,
muss übrigens keine körperlichen Voraussetzungen
mitbringen und auch das Alter spielt keine Rolle. Zusammenfassend
kann gesagt werden, dass in allen alten Kulturen der Tanz
dazu diente, die Manifestationen Gottes und der Schöpfung
sichtbar zu manchen. Die Movements sind eine Anstrengung Gurdjieffs,
um in dem Leben der Menschen ein neues Ritual einzufügen,
das den Prozess der Transformation stimulieren und begleiten
soll, sowohl für den individuellen Menschen, als auch
für die Gesellschaft im Ganzen.
Information:
Wim van Dullemen, 1942, Schüler des niederländischen
Komponisten Wijdeveld, war einer der ersten Musiker, der die
Musik Gurdjieffs in Konzerthäusern internationaler Größe
spielte. 5 CDs über diese Musik sind von ihm veröffentlicht
worden, und er ist als Movementslehrer in Berlin und Amsterdam
aktiv.
Christiane Macketanz, 1959, studierte über einen langen
Zeitraum Tanz bei einer Schülerin von Mary Wigman. Vor
16 Jahren kam sie in Kontakt mit den Movements und arbeitet
jetzt mit Wim van Dullemen zusammen.
Wochenendseminare: 8./9. November
Laufende Abendkurs-Blöcke
macketanz@gurdjieff-movements.
net
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